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Gesunde Räume zum Aufwachsen -
PsychoMotorik und Gemeinwesenarbeit

Helga Treeß


Mein Beitrag orientiert sich an folgenden Schwerpunkten:

  • Darstellung des Hamburger PsychoMotorik-Konzepts als salutogenetischen,
    also gesundheitsfördernden Ansatz
  • Die sozialpädagogische Strategie der Gemeinwesenarbeit, bzw. des sozial-räumlichen Handelns
  • Erfahrungsbericht über die Integration beider Ansätze in einem Hamburger Kinder-und Familienhilfezentrum mit dem Focus auf Bereitstellung gesunder Räume


Das Hamburger PsychoMotorik-Konzept als salutogenetischer, also gesundheitsfördernder Ansatz

Als Ernst 1. Kiphard, der Großvater der "deutschen Psychomotorik" (in Frankreich gibt es eine viel längere Tradition) vor fast 40 Jahren eine Art von Bewegungstherapie, die er "psychomotorische Übungsbehandlung" nannte, entwickelte, tat er das als Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamm/Westfalen. Dort wurden die psychisch und in den allermeisten Fällen auch motorisch auffälligen Heranwachsen den überwiegend medikamentös, durchaus auch mit Elektroschocks therapiert. Kiphard überzeugte die verantwortlichen Ärzte davon, dass bewegungstherapeutische Maßnahmen zusammen mit anderen psychologischen und pädagogischen Anstrengungen weitaus erfolgreicher sein könnten. Dass damit immer noch zu kurz gegriffen wurde, ist dem Erkenntnisstand der damaligen Zeit geschuldet: mit isolierter Behandlung und sei es mit noch so "ganzheitlichen" Konzepten - das wissen wir heute - war und ist wenig auszurichten gegen komplexe Lebensweltprobleme, die sich u.a. in einer psychomotorischen Störung äußern.

 

Dennoch beobachten wir derzeit eine beängstigende Rückwärtsbewegung hin zur Verabreichung von Psychopharmaka schon an Kinder, denen Bewegungsauffälligkeiten, eine minimale cerebrale Dysfunktion, ein hyperkinetisches oder ADS-Syndrom, Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen zugeschrieben werden. Ich möchte diesen Skandal hier heute nicht vertiefen, aber es kommt mir doch schon ein wenig absurd vor, wenn die WHO einerseits angesichts des "Weltgesundheitstages" vor einer "Epidemie" von Bewegungsarmut warnt und andererseits Kinder, die nun mal "Bewegungswesen" sind, ruhig gestellt werden, sobald ihr Aktivitätsüberschuss uns lästig wird. Nach Aussagen lang praktizierender Pädiater gibt es eine verschwindend geringe Zahl von Kindern, die wegen komplizierter Wechselwirkungsprozesse zeitweise medikamentös behandelt werden müssen, das rechtfertigt jedoch keinesfalls die epidemische Verschreibungspraxis einiger Kinderarztpraxen in dieser Stadt. Sie fallen in "prähistorische Zeiten" zurück und deuten Probleme der Lebenswelt, Probleme von Kindheit heute, soziale Schwierigkeiten, Armut und Bildungsmangel einfach in eine Stoffwechselstörung um. Zum Hamburger PsychoMotorik-Konzept gehört ganz eindeutig das Skandalieren solcher Zustände, und das habe ich hiermit ein weiteres Mal getan.


Wenn in diesem Beitrag vom "Hamburger PsychoMotorik-Konzept" und nicht von "Psychomotorik allgemein" gesprochen wird, soll eine Eingrenzung und Akzentuierung ermöglichen, die uns wegen der Vielfalt der Verwendung des Begriffs "Psychomotorik" inzwischen sinnvoll erscheint. Wir blicken selbstbewusst auf 20 Jahre aktiver Gestaltung "inklusiver", d. h. nicht-aussondernder psychomotorischer Praxis in allen Arbeitsfeldern zurück, in denen mit Kindern und Jugendlichen zusammengearbeitet wird.


Die Bedeutung sensomotorischer, d. h. basaler und fundamentaler Betätigungsmöglichkeiten für den Ausdruck und den Aufbau der Psyche/des Selbst für die kindliche Entwicklung gehört eigentlich zum Basiswissen von sozial- und pädagogischen Fachkräften. Sie wurde jedoch erst und vor allem im PsychoMotorik-Konzept nicht nur theoretisch, sondern praxisrelevant und -verändernd für zahlreiche Kindertagesstätten und Schulen realisiert. Was ist PsychoMotorik in diesem Sinne?


PsychoMotorik bedeutet in dem hier vorgestellten Ansatz - vereinfacht ausgedrückt - die allgemein menschliche Kompetenz zur selbstbestimmten, eigenverantwortlichen, innen-geleiteten, psychisch gesteuerten Bewegungstätigkeit. Sie ist ein Teilbereich, eine Funktionseinheit der gesamten menschlichen Persönlichkeit, der menschlichen Subjektivität und ihrer Entwicklung. Psychomotorik als Basiskonzept für die integrative Pädagogik ist die vermittelnde Bereitstellung von voraussichtlich günstigen Erfahrungsbedingungen von relativ offenen, beweglichen sozialen Umwelten (Treeß u. a.1990).


Bei diesem Basiskonzept einer integrativ-kooperativen Pädagogik handelt es sich also um die entpsychiatrisierte, enttherapeutisierte Weiterentwicklung eines ehemals kuratiyen Ansatzes, der von pathogenetischen, also Krankheitsbildern ausgeht, zu einem entwicklungsfördernden, salutogenetischen Konzept. Dieses Konzept, von dem wir heute schon gehört haben, und das mit dem Namen Aaron Antonowsky verbunden ist, fragt danach, wie Menschen gesund bleiben. Es wird getragen durch Fachwissenschaftlerlnnen und PraktikerInnen aus Kindertagesstätten, Schulen und Therapie, die sich in langfristigen Weiterbildungsmaßnahmen gemeinsam geteiltes Wissen angeeignet haben. In den letzten Jahren hat sich die Zielgruppe dieser 200-stündigen Weiterbildung mit dem Abschluss einer Zusatzqualifikation für Psychomotorik/Bewegungungspädagogik auch für Angehörige der Gesundheits- und Sozialarbeit bewährt, die mit erwachsenen und hier deutlich mit älteren Menschen arbeiten.

In Hamburg bildet diese Kooperation ein wichtiges Gegengewicht zu einer "exklusiven PsychoMotorik-Therapeutik" für einige wenige Kinder. Statt dessen gilt:

  • expansives Lernen statt Einengung und früher, enger Grenzsetzung und damit Verhinderung von Rückzug, Hemmung und Resignation, Aggressivität und Opposition, statt dessen
  • Aufbau selbstbewusster, sozialer, kooperativer und kreativer Handlungskompetenz
  • ausreichend Spielraum und Spielzeit für alle Kinder im städtischen und ländlichen Lebensraum
  • Umgestaltung bewegungsfeindlicher und damit kinderuntauglicher Situationen in pädagogischen Einrichtungen und in Familienwohnungen

"Bewegungsfeindlich und kinderuntauglich" - damit das Gegenteil von "gesund" sind Räume dann, wenn sie Kindern jede Möglichkeit der raumgreifenden, aneignenden und kreativen Bewegungstätigkeit nehmen, wenn sie ihnen passiven Konsum anstatt eigen-aktiver herausfordernder Auseinandersetzung bieten, wenn sie langweilig und damit eine Beleidigung des kindlichen Forscher-Bedürfnisses sind. Gesundheitsgefährdend werden Räume dann, wenn neben den eben aufgezählten Negativ-Eigenschaften noch die Belastung der Luft - z. B. durch Zigarettenrauch in Innenräumen oder die Schwebstoffe der Autoabgase in Außenräumen - hinzukommen.


Wenn Sie diese Negativ-Beschreibung positiv, d. h. "salutogenetisch" wenden, müssen gesundheitsfördernde Räume bestimmte Merkmale haben, die wir in einer psychomotorischen Grundsituation verwirklicht haben, die auf unzählige Weise situativ variiert, drinnen und draußen, zu jeder Tages- und Jahreszeit. Das ist der sog. Spielplatz im Raum - S.I.R. Der S.l.R. im PsychoMotorik-Konzept ist ein locker vorstrukturierter, aber kein spezialisierter Handlungsraum, der vielfältige Aktivitäten nahelegt. Funktionsbestimmungen für Geräte und Material werden bewusst außer Kraft gesetzt (Verfremdung). Da Kinder ohnehin die Wirklichkeit ständig "umdeuten", also aus allem "ihr Spiel" machen, wenn die Erwachsenen sie nur lassen, ist der S.l.R. eine hochgradig lernintensive pädagogische Situation. Erkunden - probieren - verwerfen - ändern - Neubeginn kennzeichnen die Bewegungs-Spielhandlungen der Kinder im S.I.R. Diese Grundsituation steht:

  • für frühes Empowerment durch Vermittlung und Aneignung weitgehend selbst-bestimmter, vielfältiger, intensiver, vertrauensbildender und verlässlich wiederkehrender Bewegungs- und Spielerfahrungen
  • für das zwanglose Lernen von Rollen und Regeln in der Gruppe (soziales Lernen) mit den Schwerpunkten Kooperation und Integration. Die immer wiederkehrenden Sequenzen der Spielentwicklung in den Gruppen verlaufen von Funktions- über
    Konstruktions-, Rollen- und Regelspiele.
  • für die hohe Verlässlichkeit, "sein Spiel auch spielen zu dürfen" und nicht "gestört" zu werden. Damit wird von vornherein verhindert, dass Kinder selber "stören" müssen (prophylaktisch). Statt dessen können bereits "gestörte" Kinder Vertrauen in die eigene "Power" zurückgewinnen und ihr soziales Verhalten neu organisieren. Der S.I.R. hat einen hohen präventiven wie auch therapeutischen Wert.


Der S.l.R. ist ein Modell und Übungsplatz für Kinder, sich den Bewegungsraum "Großstadt" (wieder) anzueignen, die Risiken besser abzuschätzen, sich besser einzuschätzen und damit weniger unfallgefährdet auf Erkundungstour zu gehen.

Der S.l.R. ist auch ein Beispiel für die Verbesserung von Aufwachsbedingungen von Kindern im Nahraum. Wenn Kindergruppen aus Krippen und Kitas, Horten und vereinsungebundenen lnitiativgruppen sich Turn- und Sporthallen "zurückerobern" und aus Wettkampfstätten zusätzlichen Spielraum für Kinder machen, ist das ein wichtiger Schritt, Spezialisierungen und Verinselungen entgegenzuwirken.

Der S.l.R. schafft Grundlagen für die raumzeitliche Organisationsfähigkeit von Kindern. Sie lernen realistische Zusammenhänge kennen und sie auch auf andere Situationen zu übertragen. Vor allem nehmen sie aus dem S.l.R. die Gewissheit mit, selbst mitverantwortlich für die sozialräumliche Gestaltung zu sein. Sie sind wichtig als "Konstrukteur" und "Nutzer" ihrer eigenen "Ortlichkeit". Sie identifizieren sich mit ihrer gegenständlichen, materiellen, von ihnen selbst mit geschaffenen Umwelt und besetzen sie positiv. Die positive Besetzung von Objekten ist bekanntlich eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung personaler und sozialer Identität, aber auch von Ortsidentität.


Mit Ortsidentität ist gemeint, dass Menschen sich mit dem Ort, in dem sie aufwachsen oder überwiegend leben, identifizieren. Das tun sie eigentlich immer, ob positiv oder negativ. Im Sinne positiver Aufwachsbedingungen geht es in der Kinder- und Jugendhilfe natürlich vor allem um die positive Identifikation mit dem Ort, an dem Kinder heranwachsen. Ermöglicht werden soll, dass sie sich für die Lebens- und Wohnqualität an diesem Ort mit verantwortlich fühlen und im Rahmen gegenseitigen Achtens aufeinander "positive soziale Kontrolle" ausüben. Ortsidentität und Zivilcourage sind Geschwister.
Um das Ziel gesunder Lebensräume, einer sozialen und gesunden Stadt zu erreichen, sind entsprechende Initiativen "von oben" überaus wichtig und bedeutsam. Sie brauchen aber ebenso eine "Strategie von unten".


Gemeinwesenarbeit
Was ist unter "Gemeinwesenarbeit" zu verstehen? Warum ist diese Strategie nützlich für die Verbesserung der sozialräuml ichen Aufwachsbedingungen in einer Metropole wie Hamburg? Synonym zum Terminus Gemeinwesenarbeit verwenden auch langjährige Protagonistlnnen dieses Arbeitsansatzes heutzutage: stadttei bezogene soziale Arbeit, Sozialraumorientierung, Quartiers- oder auch Mi 1 ieuarbeit. In bestimmten sozialpädagogischen Arbeitsfelder - z.B. der Hilfen zur Erziehung - wird meist von sozialräumlicher Arbeit gesprochen.
Der zentrale Anspruch von Gemeinwesenarbeit ist die Reaktivierung von Mitverantwortung und Mitgestaltung sozialer Räume durch die Menschen, die dort leben, oder wenn Sie meiner eigenen Definition von 1 998 folgen möchten:
"Mit Gemeinwesenarbeit ist eine Sichtweise sozialer Arbeit verbunden, die verschiedenste Arbeitsformen, u. a. auch die der Einzelhilfe integriert. Wir werden aber kaum in abgegrenzten Arbeitsfelder, Hilfesystemen und Institutionen (also z. B. Kinder- und Jugendhilfe auf der einen Seite - Schule, Gesundheitsförderung, Arbeitsförderung, Wohnungsbau auf der anderen, die uns nichts angeht) weiterdenken können, wenn wir uns einem Gemeinwesen nähern. Alle noch kleineren, durch bürokratische Vorgaben entstandenen "Arbeitsfeldstrukturen" - also z. B. hier Hilfen zur Erziehung, da offene Jugend- und Sozialarbeit - lassen sich unter den Komplexitätsbedingungen eines Gemeinwesens nicht legitimieren." (Helga Treeß)


Ein besonderes Merkmal dieses Ansatzes ist, dass er sich um gesellschaftspolitische Fragen nicht herumdrückt. Das ist ihm mit dem Hamburger PsychoMotorik-Konzept gemeinsam: Sowohl die Werte einer demokratischen Gesellschaft, insbesondere die soziale Gerechtigkeit verteidigen Anwender dieses Arbeitsprinzips ebenso wie sie gesellschaftskritisch deren Auswüchse skandalisieren, sich einerseits "solidarisch" auf die Seite der Schwächeren schlagen, ihnen aber andererseits nicht die Verantwortung für sich und andere aus der Hand zu nehmen gedenken.


In einem fachlich fundierten sozialräumlichen Arbeitskonzept werden von seinen BewohnerInnen definierte "Sozialräume" - ein Gemeinwesen, ein Stadtteil, ein Wohnquartier oder auch ein Dorf - zum Ausgangspunkt sozialpädagogischen Handelns gemacht. Also: weder der Sozialdezernent noch das Gesundheitsamt, noch der Jugendhilfeplaner, weder der Träger X noch die Sozialarbeiterin Y definieren den Sozialraum im stillen Kämmerlein, am grünen Tisch und unter besonderer Berücksichtigung der vorhandenen Verwaltungsstrukturen, sondern die Menschen, die dort wohnen. Das mag gewöhnungsbedürftig sein, ist "als reine Lehre" auch selten durchzuhalten. Aber - allein die Entscheidung, dass nicht irgendwelche Profis sich über gewachsene Strukturen eines Gemeinwesens hinwegsetzen können, kann vor den allergröbsten Anfängerfehlern bewahren.


Als nächstes müssen die auf Krisenintervention gepolten und geschulten Sozial-pädagoginnen lernen, dass Sozialraumorientierung originär ein "non-problem-approach" ist, also ein Zugang, der nicht von bereits zugespitzten individuellen Problemlagen ausgeht, wohl aber von Schwierigkeiten, die sich unter den infrastrukturellen Bedingungen eines Gemeinwesens für das soziale, interkulturelle Zusammenleben seiner Bewohner ergeben. Eine "Problemsetzung" kann dagegen nur durch die praktisch-konkrete Kooperation mit allen mit einem Thema befassten Menschen erfolgen. Sie ist ein offenes Ergebnis dialogischer sozialräumlicher Erkundung, keine vorweggenommene "Diagnose" oder "Sozialraumanalyse". Gelegentlich wird ja mit sog. "Sozialraumanalysen" derselbe Unsinn getrieben, der für die Einzelfallhilfe aus gutem Grund abgelehnt wird: nämlich ganze Stadtteile zu stigmatisieren, sie in eine Problematik "hineinzuschreiben", damit man Finanzen für Sozialpädagogen-Stellen lockermachen kann. Das widerspricht aber dem Ressourcenansatz sozialräuml icher Arbeit.


Last but not least ist Sozialraumorientierung einem veränderungsorientierten Paradigma verpflichtet, also eine Absage an die Existenzberechtigung des Bestehenden bis zum St.Nimmerleinstag. Dazu gehören auch die einrichtungsbezogenen, versäulten Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe. Neben den Bedingungen für die heranwachsende Generation gilt es zudem, zwanghaft aufrecht erhaltene Konkurrenzbeziehungen zwischen Trägern zu überwinden. Die sollen sich nämlich in einem Gemeinwesen im Sinne des 10. Jugendberichts - für eine "Kultur des Aufwachsens" engagieren und mit den Menschen gemeinsam ein tragfähiges für alle gedeihliches sozialräumliches Wirkungsfeld schaffen. Blickrichtung und Prinzipien sozialräumlicher sozialer Arbeit werden heute wie folgt zusam mengefasst:

  1. Im Zentrum stehen die geäußerten Bedürfnisse der Wohnbevölkerung
  2. Unterstützung von Selbsthilfekräften und Eigeninitiative
  3. Nutzung der Ressourcen des sozialen Raums
  4. Zielgruppen- und bereichsübergreifende Orientierung
  5. Kooperation und Koordination der sozialen Dienste

Wie kann man sich jetzt aber die Integration der beiden Ansätze - Psychomotorik und Gemeinwesenarbeit - vorstellen?
Die Dringsheide war 1995 als ein sozial- und jugendpolitisch völlig vergessenes und daher infrastrukturell total unterversorgtes Wohngebiet in Hamburgs Wildem Osten. Dort trugen ältere Kinder und Jugendliche ihre Lebensweltprobleme vor allem in Form "nichtproduktiver Aktivität" deutlich sichtbar aus: sie zerstörten nicht nur ein Einkaufszentrum, sondern auch das Gemeindehaus, legten Brände, beschädigten Autos, "erschreckten" alte Menschen und ließen sich bei diesen Aktionen von "angelockten" Jugendlichen aus anderen Stadtteilen unterstützen. Das Wohngebiet war zum Austragungsort von Bandenstreitigkeiten geworden. Mütter mit kleinen Kindern schlossen sich und die Kinder ein. Die Straßen waren bei Einbruch der Dunkelheit leergefegt. Die Presse sprach von der "Hamburger Bronx" und stigmatisierte zur Abwechslung einmal nicht nur die Jugendlichen, sondern alle Bewohnerlnnen des Stadtteils.
In der "Bronx" gab es seit 1 5 Jahren weder eine Kindertagesstätte noch Treffpunkte für Bewohnerlnnen, keine einzige Einkaufsmöglichkeit, keine fußläufige Verbindung zum nächsten Kindergarten, eine miserable Busverbindung zum nächsten Einkaufszentrum und eine völlig konzeptlose "offene Jugendarbeit" mit einer einzigen Sozialpädagogin, bei der "Mann" abhängen konnte, bis auch dieses durch den Rückzug der Kirchengemeinde aus dieser Arbeit nicht mehr möglich war.


Im Januar 1996 begann das Rauhe Haus, ein großer Hamburger Träger der Kinder- und Jugendhilfe, mit dem Vorlauf eines Kinder- und Familienhilfezentrums als Gemeinwesenprojekt. Im Juli desselben Jahres öffnete das Zentrum vor einer immer noch völlig zerstörten Kulisse. Die bedrückenden Verhältnisse im Nahraum, z. T. gepaart mit familialen "Intimitätsfallen" machten zunächst die intensive Zuwendung zu den Akteuren erforderlich, die ihre Opferrolle bereits mit der Täterrolle vertauscht hatten und nun als "Gewaltpotential" den Stadtteil unsicher machten. "lntimitätsfallen" nennen wir familiale Situationen dann, wenn ihre Mitglieder nur auf sich zurückgeworfen sind, kaum Außenkontakte haben und heranwachsende Kinder dort nicht das lernen und erfahren können, was sie für die Bewältigung künftiger Lebenssituationen brauchen. Für den Erfolg des Projektes ausschlaggebend war, dass das Team des Kinder- und Familienhilfezentrums (KIFAZ) aus Mitarbeiterinnen bestand, die neben ihren Kenntnissen über Grundsätze und Methoden der Gemeinwesenarbeit in gleichem Maße über die Bedeutung sensomotorischer, d. h. basaler und fundamentaler Betätigungsmöglichkeiten für den Ausdruck und den Aufbau der Psyche/des Selbst für die kindliche Entwicklung Bescheid wussten. Letzteres hatten sie sich in einer 250-stündigen Weiterbildung bei P.E.S.I.R. angeeignet. Die Zusammenhänge, die sie erkannten zwischen den Lebensbedingungen und dem "Gewaltpotential" der Jugendlichen waren für sie handlungsleitend.


Sie boten den "Aktivisten" im ersten Schritt über Vertrauenspersonen vor allem körper-und bewegungsbezogene Aktivitäten an: attraktive Veranstaltungen mit Sportidolen, abenteuerl iche Kletteraktionen, Kanutouren und Segeltörns, verlässliche, regelmäßige Sportangebote, "indoors wie outdoors". Von den Jugendlichen selber kam schließlich die Idee, einen Streetballplatz und einen Spielplatz "für die Kleinen und die Großen" zu gestalten. Die Profis setzten dieses in der Kommunalpolitik durch.
Über diese "vertrauensbildenden Maßnahmen" entstand weitergehende Kooperation mit einzelnen Jugendlichen in Krisensituationen, die die Mitarbeiterinnen mit deren Familien in Kontakt brachten. Sie lernten überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, jüngere Frauen kennen, die nicht nur bereits ein Kind im Jugendalter, sondern auch noch jüngere Kinder allein großzogen. Für die Selbstaktivierung (im Sinne Deweys) dieser und anderer erwachsener Bewohnerlnnen der Dringsheide, aber vor allem von denen, die kleine Kinder großziehen, mussten und müssen noch wichtige Lernschritte nachgeholt und neuer Mut gefasst werden.


Für die kleinen Kinder des Wohngebiets besteht hingegen die Möglichkeit des Hineinwachsens in ein solidarisch-kooperatives Gemeinwesen vor allem, wenn sie ihre Wichtigkeit und Wirksamkeit frühzeitig erkennen und erproben und die Schlüsselqualifikationen als "Mitglied" zwanglos und auf für sie adäquate Weise erlernen können (frühes "E m powerme nt").
Lernen geschieht im frühen Kindesalter durch vielfältige, eigenaktive, selbststeuernde, körperlich intensive Bewegungs- und Spielmöglichkeiten und sinnlich konkrete, operationale Erfahrungen.
Ältere Kinder waren einmal junge Kinder, von versorgenden Bezugspersonen vollständig abhängig und verletzbar. Wenn sie mit ihren Familien oder Teilfamilien in bedrückenden sozialräumlichen Verhältnissen aufwachsen müssen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit fehlender Ortsidentität. Das führt bei vielen Menschen zur "Entfremdung" von dem Ort, an dem sie aufwachsen oder später leben. Sie identifizieren sich nicht mit "ihrem" Gemeinwesen, da es niemals positiv besetzt wurde und "ihres" werden konnte. "Ortsidentität" können Kinder lernen, und dabei hilft ihnen das PsychoMotorik-Konzept mit seinem "Spielplatz im Raum".


Die heutzutage vielbeklagte Einengung kindlichen Erfahrungsraums durch den Straßenverkehr, die unausgewogene Sinneskost, ungesunde stoffliche Ernährung, schleichende Vergiftung durch Luftverschmutzung waren auch bei vielen Dringsheider Kindern eine gefährliche Koalition eingegangen mit emotionaler Kälte, sozialer Isolation und/oder Vernachlässigung und Misshandlung. Die z. T. extrem jungen, häufig allein erziehenden, unerfahrenen, häufig überforderten, manchmal gleichgültigen Mütter klagten über ihre "unruhigen Kinder", mit denen sie schon nicht mehr zurechtkämen, wenn sie gerade dem Krabbeiaiter entwachsen waren. in den sozialpädagogischen Einrichtungen wimmelte es nach Aussagen der Pädagoginnen bereits von "hyperaktiven Kindern", "psychomotorischen Entwicklungsstörungen", "MCD", Hyperkinetischem und ADS-Syndrom und vielem mehr.


Wenn es nach der Definitionsmacht der Kleinkind- und Grundschuipädagoginnen gegangen wäre, hätte die Mehrzahl der Dringsheider Kinder sofort in eine Therapie gehört. Dieser absehbaren Medizinisierung und Therapeutisierung der sozialen Probleme im Stadtteil wollten die Mitarbeiterinnen des KIFAZ nicht untätig zuschauen. Diese Tendenz hätte sich ihrer Erfahrung nach über kurz oder lang zum Vorspiel für die massenhafte Abschiebung der Kinder in alle möglichen Sondereinrichtungen - Sonderkita, Sonderschuie, Tages-gruppen u. a. - entwickelt, und das widersprach deutlich einem der Handlungsgrundsätze der Kinder- und Jugendhiife, nämlich dem der Integration.


Außerdem hatten Heranwachsende seit den Vorfällen aus der "Bronx-Zeit" ganz schlechte Karten bei den älteren Bewohnerinnen. Aus deren Sicht hatten Kinder und Jugendliche die Dringsheide nämlich in Verruf gebracht, weil ihre unfähigen Mütter keine Ahnung von Kindererziehung hatten. Am liebsten hätte man Familien mit Kindern damals wohl verjagt und eine Art Seniorenwohnsitz aus dem Wohngebiet gemacht.
Der nächste "Schub" eines Probiemiösungsverhaitens durch Gewalt gegen Sachen oder andere Personen schien absehbar und sollte im Interesse der Bewohnerinnen des Stadt-quartiers auf jeden Fall verhindert werden, denn eine neuerliche Stigmatisierung des gesamten Stadtteils würde auch das letzte bürgerschaftliche Engagement zum Erliegen bringen. Wir machten uns also an die "Entfeindung" der verkorksten Beziehungen.


im zweiten Schritt - nach der Krisenintervention - entwickelten wir einen längerfristigen, vorausschauenden oder auch antizipatorischen Ansatz. Wie lernen Dringsheider Kinder "produktive Aktivität"? Was passiert mit dem vitalen Bedürfnis kleiner Kinder nach ausreichendem, raumgreifenden und zeitintensiven Bewegungsspiel, nach Wirksamkeit und Anerkennung, welches nach unserer Kenntnis und Überzeugung zu den wichtigsten Bausteinen für eine gesunde kindliche Entwicklung im Sinne der "Saiutogenese" gehört? War das vielleicht ein Ansatz, mit dem wir sowohl die Mütter als auch den neu eingerichteten Kindergarten und die Grundschule gewinnen konnten, mit zu arbeiten an einem kindertaugiicheren Nahraum, der Kinderkuitur und eine "Kultur des Aufwachsens" so verbindet,dass nicht alle Lasten auf der Familie liegen und der übrige Teil des Gemeinwesens sich über die Kinder beschwert?


Die Integration der Handlungsansätze "PsychoMotorik" und "Gemeinwesenarbeit" führte in den letzten 2 Jahren zu folgenden Aktivitäten:

  • Aufbau psychomotorischer Spielgruppen für Kinder ab ca. 2 Jahren (inkl. "PampersPsychomotorik") in "großen Räumen" (Turnhalle, Außengelände, wilde Räume).
    Parallele "offene", freiwillige Beratungssituationen mit Müttern im Caf~ des KIFAZ oder Mütter als Helferinnen im S.i.R. Anregungen und Bereitstellung von Räumen für dezentrale Sprechstunden der Mütterberatungsdienste, Kinderärzte und
    Therapeutinnen des sozialpädiatrischen Zentrums (Werner-Otto-Institut), gemeinsame Fort- und Weiterbildungen mit Sozialpädagoginnen des KIFAZ zum Thema "Vernachiässigungssymptome bei Säuglingen und Kleinkindern"; entwicklungsfördernde Kooperation mit Kindertagesstätten (Praxisberatungen und Fachgespräche über kindertaugl iche Alltagsgestaltung, gegen Stillsitzzwang, Spielabbrüche und
    Langeweile: PsychoMotorik als Erziehungsprinzip): gesundheitsfördernde Kooperation mit den Schulen (z. B. Übergänge für Schuianfänger, bei Schuiwechseln, gemeinsame Fortbildungen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Lehrerfortbildung)
  • Begleitung (bes. Vor- und Nachbereitung mit Kindern, Eltern und Trägern) von stadtteiibezogenen Kurmaßnahmen für gesundheitsgefährdete Kinder; Arbeit mit Eitern während der Kinderkur (Schwerpunkte: Gestaltung des gemeinsamen Wohnraums, Gefährdung kindlicher Gesundheit durch Nebenstrom-Rauch, expansiven Medien-und Suchtmittei Ge- und Missbrauch (einschl. Psychopharmaka für Kinder), Unfallprophyiaxe, Ernährungsberatung.
  • SpiNAT: Spiel und Natur. Ein Projekt - von Müttern erdacht und mit Müttern und
    Kindern bearbeitet. Hier werden "wilde Räume" zurückerobert (zuerst muss man sie allerdings gemeinsam entdecken). Der langweilige Garten am KIFAZ geriet unter den Händen dieser Projektgruppe zu einem kleinen Kinderparadies mit Schneckengang (Fußtastpfad) und Baumhaus.


Seit Mütter ihren Kinder beim Bewegungsspiel in der großen Turnhalle zusehen, erkennen sie zunehmend, dass auch die Kleinen große Räume lieben. Die Frage nach dem langen Aufenthalt im Kinderzimmer vor der Glotze ist nicht länger tabu. Der Aufenthalt im Freien z. B. auf dem neuen naturnahen Spielplatz mit der abgeschirmten "Erwachsenenecke" ‚ ist für eine wachsende Anzahl junger Mütter attraktiver als zu Hause auf dem Sofa zu sitzen. Dort treffen sie inzwischen "die halbe Dringsheide" - wie mir eine Mutter erzählte - und können zwischendurch auch mal einkaufen gehen, weil eine andere Frau auf ihr Kind achtet.


Eine kurze Anmerkung: in der Dringsheide gibt es kaum noch hochschweliige Hilfen zur Erziehung und auch kein "Ritalin-Probiem". Der Raum ist eindeutig "gesünder" geworden. Wenn er sich weiter entwickeln soll zu einem nachhaltig gesunden, entwicklungsfördernden Wohngebiet, in dem eine partizipative, kooperative "Kultur des Aufwachsens" die bisherige Mißachtung kindlicher Bedürfnisse nach sozialem Frieden, Anerkennung, Bewegung, Spiel, Bildung und Erziehung aufhebt, gibt es - wie anderswo auch - noch Unmengen zu tun. Packen wir es an!


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